"Corona - Bremse und Booster"

Wie geht es nach Corona weiter? „Aus der Fülle an Anregungen und Möglichkeiten müssen wir Antworten finden“, stellte Kreisdechant Christoph Rensing am 17. April bei einer digitalen Veranstaltung des katholischen Kreisdekanates Borken für Ehren- und Hauptamtliche fest. Unter dem Titel „Corona – Bremse oder Booster?“ hatten die Teilnehmenden das Thema zuvor aus soziologischer und politischer, aus psychologischer und aus pastoraler Perspektive beleuchtet. Am Ende waren sich alle einig: Corona ist beides – Bremse und Booster, also Antrieb, zugleich.
Dr. Stefan Nacke, Soziologe und CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, schaute durchaus selbstkritisch auf das vergangene Frühjahr zurück: „Wir mussten schnell handeln, unser Gesundheitssystem drohte zu kollabieren.“ Aus heutiger Sicht sei dabei ein wenig zu abrupt alles geschlossen worden, erklärte der Politiker mit Blick auf das Besuchsverbot in den Alteneinrichtungen und Krankenhäusern. Er betonte, dass wissenschaftliche Fakten selbstverständlich in alle politischen Entscheidungen einflössen, „jedoch müssen wir, was die Folgen angeht, immer auch abwägen“. Nacke zeigte sich überzeugt: „Wir werden nach der Pandemie nicht zur Normalität von vorher zurückkehren.“
„Es darf uns schlechter gehen als sonst.“ Claudia Hardeweg von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) des Bistums Münster in Bocholt zeigte anhand der vier Grundbedürfnisse, welche Folgen die Pandemie auf die Psyche haben kann. „Die Nähe zu anderen Menschen ist eingeschränkt. Zudem fehlt uns die Kontrolle und die Orientierung über unser Leben.“ Eine unsichere Perspektive sei eine reale Bedrohung, erklärte Claudia Hardeweg. Nicht den Dingen nachgehen zu können, die einem Freude machen, an denen das Herz hängt, führe zu Unbehagen, zu Stress. Die Expertin riet den Teilnehmenden, auf sich und darauf zu achten, die Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Die Corona-Pandemie werde auch das Leben in den Pfarreien verändern, davon ist Dr. Marius Stelzer, Pastoraltheologe im Bistum Münster, überzeugt: „Das Virus bringt unser bisheriges Konstrukt ins Rotieren.“ Dauer und Nähe seien vor Corona Kennzeichen des gemeindlichen Miteinanders gewesen. Durch die sogenannten Aha-Regeln habe sich die Sozialgestalt der Kirche geändert – hin zu Distanz und Wechsel. „Wir sind raus aus unserer Komfortzone und müssen uns neu auf den Weg machen.“
Die Verführung werde groß sein, nach Ende der Pandemie an Altes anzuknüpfen, so Stelzer. Dies gelte es zu verhindern: „Die Erfahrungen der vergangenen Monate werden und sollen Konsequenzen haben.“ Für Gottesdienstformate, aber auch für Begegnungen. Deutlich geworden sei zudem, dass sich die Kirche im caritativen Bereich noch stärker engagieren müsse – unter anderem in der Krankenhausseelsorge.
Welche Möglichkeiten die katholische Kirche mit dem Nutzen von digitalen Medien hat, das machte Jens Albers aus der Pressestelle des Bistum Essen deutlich. Er wehrte sich gegen die Behauptung „social media“ sei nicht real: „Die Kommunikation ist echt.“ Und biete die Chance, mit Menschen in Kontakt zu treten, die nicht zum engsten Kreis der Kirche gehören. Ziel sei es, die „Marke Bistum Essen“ positiv zu besetzen – auch bei der Kirche Fernstehenderen.
Beispiele für neue Gottesdienstformate nannte Jürgen Schulze Herding, Pastoralreferent in der Pfarrei Peter und Paul in Velen. An Heiligabend habe man 33 Open-Air-Wortgottesdienste an verschiedenen Orten in der Gemeinde gefeiert. Über 1000 Menschen seien so zusammengekommen. Die enorme Resonanz und die Zustimmung lassen die Verantwortlichen überlegen, dieses Format auch nach Ende der Pandemie weiter anzubieten. Gleiches gelte für die Erstkommunion- und Firmgottesdienste, die im zurückliegenden Jahr ebenfalls draußen stattgefunden hätten: „Die Familien waren begeistert von der Ungezwungenheit im Freien“, berichtete Schulze Herding.

Logo Bistum Münster